Namasté – Wie mich die Zeit in Indien verändert hat

 

GUTES TUN – Was heißt das eigentlich? Vielleicht würden einige behaupten, dass man etwas Gutes tut, wenn man anderen, die Hilfe benötigen, diese anbietet. Um mich herum gibt es viele Menschen die gerne ihre Hilfe anbieten. Und es ist auffällig, dass es häufig die selben sind. Aber warum tun sie das? Warum opfern sie ihre kostbare Zeit, von der doch ohnehin so wenig da ist? Und hier spalten sich häufig die Meinungen. Die Provokanteste davon ist, dass diese Menschen vom Egoismus getrieben werden. Das klingt erst sehr widersprüchlich, das gebe ich zu. Sie helfen anderen, um sich selbst als besseren Menschen zu sehen.  Das Selbstbild, das wir von uns haben oder das wir gerne hätten, leitet uns also unterbewusst dazu hilfsbereit zu sein, weil es uns selbst ein gutes Gefühl gibt.

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Auch ich wollte helfen. Wollte mit anpacken und unsere Welt zu etwas Besseren machen. Wollte selbstlos etwas bewirken. Aus dem Bauch heraus beschloss ich also wieder mein Backpack zu packen und nach Indien zu reisen. Ein bisschen Geld von meinem letzten Kellnerjob in Melbourne konnte ich noch zusammenkratzen. Ein kleiner Abstecher in Deutschland sollte wohl drin sein. Es tat gut nach über einem Jahr in Australien meine Familie und Freunde in die Arme schließen zu können. Meine Mutter wusste von meiner Rückkehr nichts. Meine Schwester und ich schmiedeten den Plan meine Mutter bei einem großen Familienfrühstück zu überraschen. Die Überraschung ist uns gelungen. Niemand im Raum konnte sich die Tränen verkneifen. Es war ein wirklich schöner Moment, an den ich mich gern zurück erinnere. Mein Aufenthalt in Deutschland war nur für wenige Tage geplant, um mein Arbeitsvisum für Indien zu beantragen. Es sollte schnell wieder los gehen. Und so war es auch. Ehe ich mich versah, landete ich in New Delhi, der Hauptstadt Indiens.

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Ich würde mich selbst sicher nicht als organisiert beschreiben. Im Gegenteil, mein Leben ist ein absolutes Chaos. Aber so liebe ich es. So bleibt es immer spannend. Erstmal los und dann kann ich weitersehen…! Das hat bisher auch echt gut geklappt.
Ich wusste, was mein Ziel war: Setrawa, eine kleines Dorf ungefähr eine Stunde entfernt von Jodhpur, im nördlichen Rajasthan. Dort sollte ich für einige Wochen an einer kleinen Schule Kinder unterrichten, deren Familien kein Geld für eine öffentliche Schule hatten.

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Meine erste halbe Stunde auf indischen Boden führte sofort zu ersten Problemen. Mein erster Gedanke nach einem langen Flug war frische Luft. Ich sammelte also schnell mein Backpack ein, bekam meinen Stempel in den Reisepass und ging erstmal raus. Welchen Bus ich von hier aus nehmen sollte, wollte ich später klären. Ich brauchte erstmal Sauerstoff. Mein erster großer Fehler. Denn anders als auf deutschen Flughäfen kann nicht jeder X-Beliebige zurück in die Flughfenhalle ohne vorher einem bewaffneten Türsteher ein Abflugticket zu zeigen, das ich leider nicht hatte. Ich habe mir angewöhnt, keine Fremdwährung im Vorhinein in Deutschland zu bestellen, da es im Ausland ja überall Geldautomaten gibt. In Indien auch. Nur befand sich dieser leider in der Flughafenhalle, in die ich nicht mehr zurück konnte. Also sah ich mich in meinem Schlamassel um. Ich drehte mich einmal im Kreis und stellte fest, dass ich irgendwo im Nirgendo war. Um mich herum war weit und breit nur Wüste zu sehen. Mein Handy hat natürlich auch nicht funktioniert. Wie immer, wenn man es wirklich mal braucht. Es hat nicht lange gedauert, bis sich die ersten indischen Männer um mich herumversammelt haben um mir ihre Hilfe anzubieten. Aus fünf Männern wurden innerhalb von wenigen Minuten ca. 15 Männer. Weit und breit keine Frau. Ich habe den Männern meine Situation erklärt, dass ich kein Geld habe und ich mit dem Bus nach Setrawa müsse. Sie sagten mir, dass vom Flughafen aus gar keine Busse fahren. In der Stadt gibt eine Busstation die ist 35 km entfernt. Upps. Das war ja mal wieder typisch…

 

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Meine Ratlosigkeit konnte man mir scheinbar ansehen. Denn kurz nachdem ich mich auf eine kleine Bank setzte, kam ein indischer Mann mitte vierzeig auf mich zu und fragte mich in perfektem Englisch, ob er mich mit in die Stadt nehmen soll. Anfangs war ich skeptisch. Ich sagte ihm , dass ich kein Geld hätte und ich ihm nichts dafür zahlen könne. Er zuckte mit den Schultern und hebte meinen Backpack an und warf ihn auf die Ladefläche seines Pick-Ups. Ich kletterte auf die Ladefläche und die Fahrt ging los. Natürlich habe ich mir vor Angst beinahe ins Hemd gemacht. Ich bin zuvor allein quer durch Australien und Neuseeland getrampt, aber Indien war eine ganz andere Nummer für mich. Mein erster Gedanke war, dass ich unter keinen Umständen meiner Mutter erzählen werde, dass ich in das Auto eines fremden Mannes in einem fremden Land gestiegen bin ohne zu wissen, wo ich eigentlich hinwollte. Diese Gadanken verschwanden aber schnell als ich endlich meine ersten Eindrücke Indiens erleben durfte. Und die waren echt nicht ohne. Der Straßenverkehr war der absolute Warnsinn. Soetwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Einfach alles was Beine oder Räder hatte waren kreuz und quer verteilt. Es wirkte auf mich wie ein riesiges Chaos. Ziegen, Kinder, Autos, Busse, Fahrräder und Rikshas. Und scheinbar gab es kein System. Alle fuhren einfach in die Lücke, in die man gerade passte. Vorbei an Kühen, die teilweise einfach mitten auf der Straße standen. Und um mich herum tausende von Menschen, überall, wohin man auch sah. Das Hupen hat in Indien mehrere Bedeutungen:

  • Meeeep – Vorsicht ich überhole!p1080500
  • Meeeep – Vorsicht! Ich bin hinter dir!
  • Meeeep – Vorsicht! Ich bin vor dir!
  • Meeeep – Vorsicht! Ich bin neben dir!
  • Meeeep – Hallo, lange nicht gesehen!
  • Meeeep – Lasst mich durch!
  • Meeeep – Jetzt fahr‘ doch!
  • Meeeep – Arschloch, was fällt dir ein!
  • Meeeep – Heute ist ein schöner Tag!

Wahrscheinlich habe ich noch einige vergessen. Aber vielleicht kann man sich vorstellen, wie unfassbar laut es ist, wenn einfach alle ständig hupen.

Nachdem mich mein Retter in der Not an einen Geldautomaten brachte, den ich im Leben nicht ohne seine Hilfe gefunden hätte, brachte er mich auch noch an die Busstation. Und als wäre das nicht ohnehin schon viel zu viel gewesen, hat er auch noch für mich herausgefunden, in welchen Bus ich steigen musste und hat mir mein Ticket besorgt.

Ich bot ihm als Gegenleistung Geld an, aber das winkte er höfich ab. Ich bestand darauf, aber er wollte es einfach nicht annehmen. Also kaufte ich ihm eine Packung Kekse an einem kleinen Kioskstand um mich Dankbar zu zeigen. Mit einem Lächeln verabschiedete ich mich und lief müde zum Bus.

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Busfahren in Indien ist ein Abenteuer für sich. Es gibt Touristenbusse mit Klimaanlage und W-LAN und es gibt Busse der Einheimischen, die sehr weit von diesem Standard entfernt waren. Und genau in so einem saß ich nun. Mein Backpack wurde, wie bei allen anderen, auf das Dach gespannt und einige Männer blieben bis zur Ankunft auf dem Dach sitzen. Wie schafften sie es bloß, nicht herunterzufallen? Beim Einsteigen fiel mir auf, dass einer der Busreifen fast platt war.  Ich suchte mir einen Fensterplatz in der Mitte des Busses und versuchte meinem Retter in der Not lebewohl zu winken. Aber die Scheiben waren so dreckig und verschmiert, dass ich nichts erkennen konnte. Der Bus füllte sich bis auf den letzten Platz und es fing an wirklich heiß zu werden. Ich wollte die Fenster aufmachen, wusste aber nicht wie. Als ich nach rechts schaute hat sich eine alte Frau aus dem Fenster hinaus übergeben. Ihr machte die Hitze wohl auch zu schaffen. Fassungslos starrte ich nach vorn und konnte nicht glauben, wohin ich hier geraten bin. Nach acht Stunden und einem Umstieg, den ich beinahe verpennt hatte, kam ich endlich in Jodphur an.

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Sambali Trust heißt die Organisation, die in ganz Indien an sehr spannenden Projekten arbeitet. Hauptsächlich setzen die Mitglieder sich für Bildung junger Mädchen ein aber geben auch erwachsenen Frauen, die Chance lesen und schreiben zu lernen. Mit Hilfe von Freiwilligen und Spendengeldern konnten schon viele Schulen eingerichten können.

Weitere Infos zu der Organisation

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Als ich von der Organisation hörte, wüsste ich schnell, dass ich hier meinen Beitrag leisten möchte. Wer sich schon mal mit dem Thema Freiwilligenarbeit auseinandergesetzt hat, weiß vielleicht, dass es sehr schwierig ist eine Organisation zu finden, bei der man kein 536179_490244867691874_1106413082_nGeld dafür bezahlen, muss um zu helfen und zu arbeiten. Leider gibt es viele dieser ‚Vermittlungsagenturen‘ im Internet. Viele davon ziehen einen nur das Geld aus der Tasche. Wenn ich sehe, wie viel Geld einige Agenturen dafür haben wollen, dass sie dir eine Adresse und ein paar Tipps geben, die man überall im Internet nachlesen kann, wird mir schlecht. Bei Sambahli Trust muss lediglich die Verpflegung und die Unterkunft aus eigener Tasche gezahlt werden, was ja selbstverständlich ist. Bei mir waren das gerade mal 40 Euro im Monat. Ich kam in einer sehr 307466_476490212400673_283003176_nliebevollen indischen Gastfamilie unter. Duschen konnte ich mich zwar nicht, aber jeden Tag konnte ich einen Eimer mit Wasser aus dem Brunnen nutzen um mich zu waschen. Usha war die einzige in der Familie, die Englisch sprechen konnte. Sie hat dafür gesorgt, dass ich jeden Tag leckeres Essen bekam. Und Kochen hatte sie echt drauf! Sie war gleichzeitig die Verantwortliche für ‚das Center‘. So nannte man die kleine Schule in dem winzigen Wüstendorf Setrawa. Zusammen mit drei anderen Freiwilligen unterstützten wir sie dabei, die 40- 50 Kinder im Alter zwischen 0-12 Jahren zu unterrichten, mit Ihnen zu spielen und mit ihnen zu lachen. Wir versuchten Ihnen zu zeigen, wie man sich die Zähne putzt und wie man sich richtig wäscht. Einmal die Woche wurden die Läuse aus den Haaren gekemmt und alle Kinder die da waren, machten sich freiwillig auf den Weg in die Schule. Einige Kleinkinder im Alter von nicht mal zwei Jahren machten sich sogar alleine auf den Weg. Wir lehrten die Zahlen von 1- 20 und das Alphabeth auf englisch. Wenn Schüler besonderes Engagement zeigten, wurden sie von der Organisation gefördert. Man gab ihnen die Möglichkeit mit Hilfe von Spendengeldern an die öffentliche Schule zu gehen.

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Nach wenigen Tagen bereits bemerkte ich, dass ich mit der falschen Einstellung an das Projekt gegangen bin. Ich bildete mir ein, dass diese Kinder meine Hilfe benötigen. Diese Kinder und auch deren Familien hier in Setrawa sind glücklich. Wahrscheinlich glücklicher als viele unter uns. Wie dumm und arrogant von mir, zu glauben, dass man sie bemitleiden müsste.p1080925

Obwohl sie mit der ganzen Familie in winzigen Hütten lebten, nur wenig Geld zur Verfügung haben und nur das besitzen, was lebensnotwendig ist, scheinen die Einheimischen dort glücklich zu sein.  Und das ist wirklich bewundernswert. Wohin man auch sieht, bekommt man ein Lächeln.

Am Ende meines Freiwilligendienstes in Setrawa habe ich einiges für mich mitgenommen. Wahrscheinlich habe ich mehr von den Kleinen gelernt als sie von mir. Es war so spannend, die indische Kultur hautnah mitzuerleben. Ich denke sehr gerne an die Zeit zurück. Versuche mich zu errinnern, was ich mir vorgenommen habe. Ich beschloss, stets meine Hilfe anzubieten, wenn jemand sie benötigt und wenn es in meiner Macht steht. Ich werde mich so oft es geht daran erinnern, was ich für ein tolles Leben habe und weiß die Menschen darin sehr zu schätzen. Doch wage ich es nicht nocheinmal Mitleid zu empfinden, denn das ist das Letzte was die Einwohner in Setrawa brauchen und wollen.

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14 Gedanken zu “Namasté – Wie mich die Zeit in Indien verändert hat

  1. waehlefreude schreibt:

    Wow!

    Wie fasst man in Worte, was sich nicht in Worte fassen läßt… Vor lauter „Zivilisation“ wissen wir hier kaum noch, wie man glücklich ist…

    Wenn alle „Mitleid“ zeigen, müßte von der Logik her jeder „leiden“. 😉

    Echtes „Mitgefühl“ ist anders, ist ein dabei sein.
    Nun bin ich selbst wenig gereist, doch habe ich durch meinen Beruf im sozialen Bereich mit unterschiedlichsten Menschen zu tun gehabt.
    Das „Dabeisein“, ohne zu egoistisch zu „helfen“, ist mir oft genug sehr schwer gefallen.

    Auf Deinen wirklich wundervollen Fotos spüre ich, wie Du dabeigewesen und beschenkt worden bist. Toll! 🙂

    Liebe Grüße,
    Frank

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